Die Waffen nieder!

Die Waffen nieder!

Mit diesen drei prägenden Worten wurde Bertha von Suttner (1843-1914) vor dem Ersten Weltkrieg international bekannt. Die Waffen nieder! (1889) war auch der Titel ihres berühmten Romans, der bislang in 20 Sprachen übersetzt wurde und in deutscher Sprache in mehr als 40 Auflagen erschienen ist.

 

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Was ist das Besondere an Bertha von Suttners Roman?

Worum geht es in diesem Roman, der die Leserschaft provozierte und die Autorin zur berühmtesten Frau ihrer Zeit machte? Warum ist sie überhaupt auf die Idee gekommen, den Roman zu schreiben und eine Friedensgesellschaft zu gründen? 

Der einprägsame Titel „Die Waffen nieder“ appelliert daran, dass Kriege von Menschen gemacht sind. Folglich können Kriege von Menschen verhindert werden, so die Kernaussage des Buches, denn Kriege sind keine Naturkatastrophen, sondern Folge von Entscheidungen von Einzelnen.

Das Buch ist ein äußerst emotionaler Roman. Der Roman dramatisiert das Leben einer Frau, deren Leben durch Kriege zerstört wird und sie zweimal zur Kriegswitwe werden lässt. Das Buch beschreibt wie Familie und Freunde unter den Zerstörungen während und nach Kriegen leiden.

 

Den Friedensgedanken propagieren

Als sie 1885 nach ihrer Rückkehr aus dem Kaukasus in Paris im Hause des französischen Schriftstellers Alphonse Daudet (1840–1897) von der Existenz nationaler Friedensgesellschaften erfuhr und von Plänen des Engländers Hodgson Pratt (1824–1907), ein internationales Schiedsgericht zu gründen, um Konflikte zwischen einzelnen Staaten friedlich zu lösen, war sie begeistert. Bertha von Suttner fand, dass es dringend nötig sei, den Friedensgedanken zu propagieren, und die breite Masse zu informieren. Und so beginnt sie 1888 einen Roman vorzubereiten, der besonders auch Frauen ansprechen sollte, da sie überzeugt war, dass Friedensthemen nicht nur von Männern propagiert werden sollten. Sie wählt die Gattung eines Romans und die Form einer (fiktiven) Autobiografie. „Ich wollte nicht nur, was ich dachte, sondern was ich fühlte, leidenschaftlich fühlte, in mein Buch legen können. Dem Schmerz wollte ich Ausdruck geben, den die Vorstellung des Krieges in meine Seele brannte“ (Memoiren 1909: 215).

 

Das Rad des Krieges aufhalten

Tatsächlich ereigneten sich zu Suttner-Lebzeiten vier Kriege und um 1888/89 ging in Europa erneut die Kriegsangst um. In Deutschland war der junge Wilhelm II. auf den Thron gelangt, der säbelrasselnd vom Erbfeind Frankreich tönte und in Frankreichs Regierung trachtete man seit bald zwanzig Jahren nach Revanche. Auch auf dem Balkan war es unruhig. „Für das Buch recherchiert sie umfassend. Sie studiert „dickbändige Geschichtswerke, alte Zeitungen, Archivunterlagen. Berichte von Kriegskorrespondenten und Militärärzten und lässt sich von Kriegsteilnehmern erzählen“, schreibt Hamann (2015: 87ff.).
Obwohl Suttner in ihren Memoiren (1909) betont, dass ihr Engagement nicht auf Kriegserlebnisse zurückging, motiviert ein Wunsch diesen Roman besonders: Das Rad des Krieges aufhalten! Die literarische Form des Romans erlaubt, fiktive autobiografische Notizen (rote Tagebücher), historische Briefe und Fragmente von Dokumenten (blaue Bücher) in einen historischen Roman zusammenzuführen. Die Rahmenhandlung spielt zwischen 1857 und 1889. Die Hauptorte des Romans sind Wien, Grumitz in Niederösterreich, die Festung Olmütz an der Front in Böhmen, und die Stadt Paris. Der Roman „Die Waffen nieder!“ (1889) zeichnet den Weg von Baronin Martha Tilling nach, die sich von einer unbedachten Ehefrau zu einer überzeugten Kriegsgegnerin wandelt.

Die Handlung

Eine Zusammenfassung von Dr. Adelheid Pichler
Erstes Buch 1859

Die hochadelige Martha (geborene Comtesse Althaus, verwitwete Gräfin Dotzky, Ich-Erzählerin) - die auf weite Strecken der Bertha zum Verwechseln ähnelt - erzählt ihr Leben, das im streng konservativen Adelsmilieu beginnt, geprägt von Kirchenzucht und Militärgeist. Die Tochter eines adeligen Hauses heiratet als 18-jährige den Offizier Graf Dotzky. Als ganz junge Mutter wird sie Witwe. Ihr erster Mann (Graf Arno Dotzky) fällt 1859 bei Solferino, einer grausamen, verlustreichen Schlacht. Als man Martha bei aller Trauer zum Heldentod ihres Mannes beglückwünscht, kommt sie ins Nachdenken und wird im Verlauf des Romans zur Friedenskämpferin – und der realen Suttner immer ähnlicher.

Zweites Buch Friedenszeit

Nach dem Tod ihres ersten Mannes und des ersten Sohnes Rudolfzieht sie sich zurück und widmet sich dem Studium geschichtlicher Werke. Dank eigenständiger Studien gibt sie die Meinungen und Haltungen ihres aristokratischen Standes auf. Sie wird zur Friedenskämpferin und sucht fortan Überzeugungsarbeit zu leisten. Jedoch schlagen ihr aus der Familie und dem Freundeskreis Unverständnis und Feindseligkeit entgegen: besonders Marthas Vater, ein alter k.u.k. General a.D. ist von Patriotismus, Nationalismus und Militarismus durchdrungen. Andere wichtige Figuren sind Marthas Schwester Lilli und ihr Bräutigam Konrad Althaus, Marthas Schwester Rosa und ihr Bräutigam Prinz Heinrich, Otto, Marthas Bruder. Die frömmelnde Tante Marie und einem Militärgeistlichen heißen den Krieg als gottgewollt gut, ebenso die Jugendfreundin Lori Gräfin Griesbach, die sich um nichts kümmert. Vier Jahre später lernt sie den Oberstleutnant Baron Tilling kennen. Sie teilen die Ablehnung von Soldatentum, Militär und Krieg.

Drittes Buch 1864

Friedrich von Tilling kämpft im preußisch-dänischen Krieg. Er schickt Briefe von den Schlachtfeldern, die beweisen, wie wenig Heldentum und Moralität, mit der in Zeitungen gerühmten Heldenphraseologie und Kriegshetze zu tun haben. Martha hatte einst als junge Frau keinerlei Anteil an den Kriegen ihrer Zeit genommen. Erst durch die schonungslosen Schilderungen ihres Mannes von der Front, der in zwei Kriegen knapp mit dem Leben davonkommt, wird Martha zur entschiedenen Kriegsgegnerin.

Viertes Buch 1866

Martha reist aus Angst um ihren Gatten 1866 selbst an die Front. Sie wird Zeugin der Barbareien und Bestialität, begegnet den Schwerstverwundeten, Verstümmelten und Verdursteten: … ja, geschlachtet würden sie auf dem Felde daliegen (…) – mit offenen, roten Wunden (Bertha von Suttner. Die Waffen nieder [1889], ohne JZ: 264).

Fünftes Buch Friedenszeit

Waffenstillstand bedeutet nicht Kriegsende. Das Nachkriegselend bricht aus, meist Seuchen, Armut und Elend: Marthas Geschwister Rosa und Otto fallen der Cholera zum Opfer. Dem Vater bricht der Tod des einzigen Sohnes Otto das Herz und er verflucht den Krieg am Sterbebett.

Die scheinbar angebrochenen Friedenzeiten versprechen jenes beschauliche Leben, wie es sich das Ehepaar Tilling immer gewünscht hat: Friedrich nimmt seinen Abschied vom Militär, Familiennachwuchs (Tochter Silvia) stellt sich ein. Das ererbte Vermögen der Familie sichert ein behagliches Leben.

Sechstes Buch 1870/71

Das militärische Leben holt den mittlerweile in der Friedensbewegung tätigen Baron ein: während des deutsch-französischen Krieges 1870/71 wird Friedrich von Tilling als vermeintlicher Spion durch einen französischen Nationalisten in Paris brutal ermordet.
 

Epilog 1889: Verweis auf die Internationale Friedensliga

Fazit: Wer hatte je so vom Krieg geschrieben?

Die Waffen nieder! Wer hatte je im 19. Jahrhundert so vom Krieg gesprochen oder geschrieben? Der Roman wirkte auf die einen schockierend, auf anderen befreiend. Bertha von Suttner wollte, dass ihr Roman zu Herzen ginge. Deshalb verbindet sie ihre Friedensgedanken mit der innigen Liebesgeschichte zwischen Martha und ihrem zweiten Mann, dem Baron von Tilling – der ihrem Ehemann Arthur Gundaccar Suttner sehr ähnelt.
Drucken wollte das Buch anfangs wegen des Antikriegsinhalts niemand, bis sich schließlich das Verlagshaus Pierson in Dresden bereit erklärte. Es wurde der Bestseller des 19. Jahrhunderts, Bertha von Suttner zur berühmtesten Frau ihrer Zeit. Der Erfolg des Buches sollte die bereits bestehende internationale Friedensbewegung propagieren und weltweit bekannt machen.

 

Wichtige Meilensteine, die dem Buch folgen

1891 gründete Bertha von Suttner die "Österreichische Friedensgesellschaft", der sie als Präsidentin vorsteht. Ein Jahr später (1892) gründet sie gemeinsam mit Alfred Hermann Fried in Berlin die Deutsche Friedensgesellschaft (DFG). 1892 bis 1899 geben Fried und Suttner gemeinsam die Monatsschrift "Die Waffen nieder" heraus, die später von Alfred Fried als "Die Friedens-Warte" weitergeführt wurde. Im selben Jahr gründet sie in Wien gemeinsam mit Arthur Gundaccar Suttner den Verein gegen Antisemitismus.

Nach Erscheinen des Romans (1889) setzt sie sich unermüdlich gemeinsam mit ihren Mitstreitern für ein sofortiges Ende des Wettrüstens ein, verlangt die Minimierung von staatlichen Militärausgaben und die Einsetzung von Internationalen Schiedsgerichten zur friedlichen Lösung von bilateralen Konflikten. Für diese Bemühungen wird ihr 1905 der Friedensnobelpreis verliehen. 

In fünfundzwanzig Jahren friedenspolitischer Arbeit bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges legt Suttners Wirken den Grundstein für zahlreiche friedens-politische Organisationen, die bis heute im Bereich der internationalen Sicherheitspolitik mitreden. Sie selbst nimmt an zahlreichen Friedenskongressen teil, und arbeitet aktiv an der Ersten Haagener Friedenskonferenz in Den Haag (1899) mit. Außerdem engagiert sie sich im Vorstand des 1902 gegründeten Bundes österreichischer Frauenvereine. Sie bereist ganz Europa und unternimmt zwei Vortragsreisen (1904, 1912) in die USA, um die Friedensidee zu verbreiten.

Bertha von Suttner starb am 21. Juni 1914 in Wien. Eine Woche nach ihrem Tod fielen die tödlichen Schüsse auf den Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajewo (28. Juni 1914). Ein Monat später erklärt Österreichs Kaiser Franz Joseph Serbien den Krieg (28. Juli 1914). Der 1. Weltkrieg forderte zehn Millionen Tote und sollte vier Jahre dauern.

Quellenangaben:

Die Waffen nieder! Eine Lebensgeschichte. [1889], ohne JZ. Jazzybee Verlag Jürgen Beck.
Bertha von Suttner. Memoiren [1909] 2015. Europäischer Literaturverlag; 1. Edition
Birkhan, Ingvild. 2007. Das entscheidende Werk: die Waffen nieder! Eine Lebensgeschichte. S.71-79: In: Friede-Fortschritt-Frauen. Jubiläum für die Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner. 2007. Schloss Harmannsdorf. LIT Verlag.
Wintersteiner, Werner. Die Waffen nieder! – Ein friedenspädagogisches Programm? Friedenserziehung in Österreich-Ungarn und im Deutschen Reich am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Vortrag beim Bertha von Suttner-Symposium 2005 (Eggenburg, Österreich, Mai 2005). Auf: Lebenshaus Schwäbische Alb. Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden & Ökologie: http://www.lebenshaus-alb.de/magazin/003416.html [2017-07-24].