Spannendes Interview zur Geschichte der Kriminologie in Österreich
Spannendes Interview zur Geschichte der Kriminologie in Österreich
Interiew with Arno Pigram and Christa Pelikan: On a Criminology that Sought to Change the World
Titel in Übersetzung: Ein Interview mit Arno Pilgram und Christa Pelikan: über eine Kriminologie, die die Welt verändern wollte
Arno Pilgram / Christa Pelikan / Vávlav Walach / Veronika Reidinger (Veröffentlicht - 22 Mai 2026)
Das Gespräch mit Christa Pelikan und Arno Pilgram erzählt die Geschichte der kritischen Kriminologie in Österreich und – damit untrennbar verbunden – des Aufbaus und der Entwicklung des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriminalsoziologie, das später als Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie (IRKS) auch international bekannt werden sollte.
Arno Pilgram, ein Mitarbeiter der ersten Stunde, kam über Themen der Jugendwohlfahrt und der institutionellen Heimunterbringung ans IRKS und thematisierte in seiner Karriere Prozesse, die zu Kriminalisierung und zu institutionellen Antworten auf Kriminalität führten und wie sich diese Prozesse in Kriminalstatistiken niederschlagen. Ebenso untersuchte er alternative Reaktionen auf Devianz gegenüber dem Strafrecht.
Christa Pelikan kommt ursprünglich aus der Sozialgeschichte, kam wenig später an das Institut und fokussierte stärker auf rechtssoziologische Themen und wie das Recht in der praktischen Anwendung (etwa in den rechtlichen Institutionen der Opferhilfe) funktioniert.
Durch einfühlsame Gesprächsführung und mehrere Überarbeitungsschleifen verschränkt das Gespräch die (rechts- und kriminalpolitische) Zeitgeschichte, die Entwicklung der (kritischen) Kriminologie in Österreich und die intellektuellen und institutionellen Karrieren der Gesprächspartner:innen und anderer Personen, die im Lauf des Interviews zu Wort kommen.
In dieser Perspektive soll Kriminologie eine kritische und darauf aufbauend gesellschaftsverändernde Kraft entfalten, indem etwa Gewalt als Reaktion auf Fehlverhalten abgebaut und durch weniger gewalthaltige Formen der sozialen Kontrolle ersetzt wird. Zugleich mussten für die Wirksamkeit dieser Maßnahmen empirische Nachweise erbracht werden.
Vor diesem Hintergrund wurde das Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriminalsoziologie im Zuge der von Christian Broda initiierten großen Strafrechtsreform im Jahr 1975 gegründet, durch die eine über die Arbeiten August Aichhorns psychoanalytisch informierte Bewährungshilfe in den Strafvollzug kam. Derartige große Entwicklungszusammenhänge werden in wenigen Sätzen skizziert und machen das Interview zu einer Fundgrube für Einsichten in die Entwicklung des interdisziplinären Forschungsfelds der Kriminologie in Österreich und darüber hinaus.
Über die Bewährungshilfe kam auch der junge Heinz Steinert als Gründungsdirektor und langjährige Leiter an das IRKS. Parallel zu Fritz Sack in Deutschland griff Steinert sozialwissenschaftliche Ideen der symbolisch interaktionistischen Tradition in den 1960er Jahren auf, in denen die symbolische Reaktion der Gesellschaft auf abweichendes Verhalten im Vordergrund stand, weniger das motivierte deviante Verhalten. Auf dieser Basis wurden die strafrechtlichen Antworten auf Devianz ebenso in Frage gestellt wie Kriminologie als Wissenschaft, wenn sie offizielle strafrechtliche Kategorien übernimmt.
Steinert, der später als Professor für Sozialstruktur und soziale Kontrolle an die Goethe Universität Frankfurt berufen wurde, war nicht zuletzt für die Etablierung des außergerichtlichen Tatausgleichs in Österreich maßgeblich verantwortlich, eine Leistung, die er weniger sich zuschrieb, so Arno Pilgram, sondern die er als gemeinsame Leistung der Strafverfolgungsbehörden, des Justizministeriums und des Vereins NEUSTART verstand.
11 Seiten, Zeitschrift: Criminological Encounters, Jahrgang: 8, Heft: 1, Sprache: Englisch

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PDF: On a Criminology that Sought to Change the World
Zur Zeitschrift Criminological Encounters: https://criminologicalencounters.org/index.php/crimenc/article/view/197